Offener Brief an die Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz und die Medien
Frauen in der Gerechtigkeitslücke …
… nicht nur in den Medien „boomt“ das Thema Vergewaltigung, Missbrauch und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Frauen. Auch in der Politik hat das Thema endlich die Beachtung gefunden, die es braucht, um wirksame Hilfen umzusetzen und präventive Maßnahmen zu installieren.
Anlässlich der Gleichstellungs- und Frauenministerkonferenz, die in diesem Jahr am 16./17. Juni im Plöner Schloss mit Herrn Justizminister Schmalfuß als Gastgeber stattfindet, gibt der Landesverband Frauenberatung Schleswig-Holstein (LFSH) aus fachlicher Sicht den anreisenden Ministerinnen und Ministern mit auf den Weg, dass…
- es bundesweit immer noch keinen Rechtsanspruch auf professionelle Zeug/innenbegleitung im Ermittlungs- und Strafverfahren für Opferzeuginnen gibt,
- dass Videobefragungen durch die Polizei in besonders sensiblen Strafverfahren immer noch keine Selbstverständlichkeit sind,
- eine kostenlose und bei Bedarf anonyme Spuren- und Beweissicherung bei Sexualstraftaten und häuslicher Gewalt notwendig ist, um Frauen mehr Bedenkzeit darüber zu geben, ob sie sich den Belastungen eines Strafverfahrens aussetzen können,
- in vielen Kommunen und Kreisen kein Beratungs- und Notrufangebot für Opfer von Missbrauch und Vergewaltigung installiert, geschweige denn finanziert ist,
- die Erfahrungen der in Schleswig-Holstein seit Jahren gut etablierten FrauenHelpline sollten bei der für 2013 geplanten bundesweiten Hotline berücksichtigt werden, denn es bedarf einer hohen regionale Kompetenz sowie einer verlässlichen Infrastruktur, um Gewaltopfern in akuten Krisen zu helfen.
- dass gerade aktuell in Schleswig-Holstein die Mittel für Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe sogar gekürzt wurden, anstatt sie der steigenden Nachfrage entsprechend zu erhöhen.
Der LFSH freut sich mit seinen Kuratorinnen Christel Aschmoneit-Lücke und Irene Fröhlich, dass im hohen Norden bislang bei Polizei, Staatsanwaltschaft, Notrufen und Fachberatungsstellen - im Vergleich zu anderen Bundesländern - relativ gute Standards entwickelt und etabliert werden konnten. Angela Hartmann, Koordinatorin im Landesverband Frauenberatung Schleswig-Holstein mahnt an: „Vieles von dem, was in Schleswig-Holstein bewährte Praxis geworden ist, muss auch in den übrigen Bundesländern endlich Standard werden, damit in Zukunft nicht nur wie bislang 5% der Opfer sexueller Gewalt überhaupt Anzeige stellen.“
Ursula Schele, Vorsitzende des LFSH beklagt: „Es ist ein Armutszeugnis für die ganze Gesellschaft, wie viele Frauen bis heute über erlittenes Unrecht schweigen (müssen) und wie selten Mädchen und Frauen geholfen werden kann, weil es noch immer viel zu wenige Beratungsstellen und Therapien gibt. Ein Skandal ist es dagegen, dass nach wie vor gleichzeitig 95 % der Täter weder juristisch noch sozial zur Verantwortung für ihre Taten gezogen werden.“
Der LFSH hofft, dass die genannten Tatsachen Berücksichtigung finden und wünscht der Konferenz einen guten Verlauf im Sinne der Nutzerinnen, den von Missbrauch, häuslicher Gewalt und Vergewaltigung betroffenen Mädchen und Frauen.
V.i.S.d.P.: Angela Hartmann, Koordinatorin des LFSH (Landesverband Frauenberatung Schleswig-Holstein www.lfsh.de; info@lfsh.de Tel. 0431 – 9 96 96 36 (oder 0431 – 91144)
